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Traumforschung mit der App Shadow

Apps zur Traumdeutung

Apps zur Traumdeutung sind mit einer Vielzahl von Funktionen erhältlich, die für unterschiedliche Plattformen konzipiert sind. Einige dieser Apps dienen als Traumtagebuch, während andere Datenbanken bieten, in denen man die Bedeutung verschiedener Traumsymbole nachschlagen kann. Ein wesentlicher Nachteil solcher Apps liegt allerdings darin, dass sie in der Regel keine tieferen Erkenntnisse bieten als ein herkömmliches Traumtagebuch. Auch die Traumsymbole kann man ebenso gut in Büchern oder online nachschlagen.

Die Zusammenhänge und Veränderungen der Träume über einen längeren Zeitraum werden meist nicht erfasst und sind manuell schwer zu rekonstruieren. Zudem sind solche Apps oft umständlich zu bedienen, und während man einen Traum einträgt, hat man möglicherweise schon wieder einiges vergessen.

Derzeit befindet sich eine App in der Entwicklungsphase, die das Potenzial hat, die Traumarbeit via App zu revolutionieren. Das gilt sowohl für die rein private Ebene, als auch für die weltweite Traumforschung. Die Rede ist von Shadow.

Shadow ist ein Projekt des 32-jährigen New Yorkers Hunter Lee Soik. Er entwickelte die Vision einer App, die mehr leistet als bisherige Traum-Apps. Sie soll als privates Traumtagebuch dienen, in dem man seine Träume nicht nur aufschreiben, sondern auch analysieren und seine Traumverläufe nachverfolgen kann. Darüber hinaus möchte Soik die weltweit größte Traumdatenbank überhaupt anlegen und somit eine Traum-Cloud schaffen, die der weltweiten Traumforschung so viele Daten zur Verfügung stellt, wie es sie noch nie gab. Finanziert wird die Entwicklung von Shadow durch Crowdfunding auf der Plattform Kickstarter.

So funktioniert die Traum-App Shadow

Shadow basiert auf seiner Weckfunktion. In regelmäßigen Abständen weckt die App den Träumenden mit einem langsam ansteigenden Weckton. Der langsame Anstieg sorgt für ein sanftes Erwachen, sodass man trotz mehrerer Unterbrechungen eine angenehme und erholsame Nacht haben kann. Wichtigster Nebeneffekt dabei ist natürlich der, dass diese Form des Gewecktwerdens Qualität und Quantität der Traumerinnerungen deutlich erhöht.

Es ist auch geplant, die App mit einem smarten Armband kombinieren zu können, welches bemerkt, wenn der Träumende am Ende eines Schlafzyklus‘ ist und ihn mit sanften Vibrationen genau an dem Zeitpunkt aufweckt, an dem er, rein biologisch betrachtet, sowieso kurz aufwachen würde.

Direkt nachdem der Wecker abgeschaltet wurde, kann man mit dem Aufzeichnen seiner Träume beginnen. Shadow bietet dafür mehrere Möglichkeiten. Wie in den meisten Traumtagebuch-Apps kann der Nutzer seine Traumerinnerungen einfach eintippen. Viel praktischer ist dagegen die Funktion, der App seine Träume einfach zu erzählen. Shadow zeichnet das Erzählte dabei nicht nur auf, sondern geht einen großen Schritt weiter.

Die gesamte Aufnahme wird mittels Spracherkennung in normalen Text transkribiert. Anschließend scannt die App den Text und verschlagwortet ihn. Anhand dieser sogenannten Tags kann man im Laufe der Zeit seine eigene Traumstatistik erstellen. Träumt man beispielsweise von einem Flugzeug, wird das Wort als Tag angelegt. Ein Klick auf dieses Schlagwort führt den Nutzer zu einer Übersicht vergangener Träume, die ebenfalls von Flugzeugen handelten.

Darüber hinaus zeigt die App zusätzlich weitere Schlagworte der jeweiligen Träume an, sodass der Anwender direkt sehen kann, ob, wie oft und wann er beispielsweise in Träumen von Flugzeugen auch von Turbulenzen oder Landevorgängen geträumt hat.

Anhand solcher Daten kann der Nutzer seine Träume und deren Auslöser identifizieren und analysieren. Er kann sehen, in welchen Phasen seines Lebens er wie oft von bestimmten Dingen geträumt hat und inwieweit seine Träume durch Ereignisse im realen Leben beeinflusst wurden, beispielsweise durch den Tod eines guten Freundes oder einen beruflichen Aufstieg. Führt er parallel dazu noch ein normales Tagebuch, lassen sich die Traummuster auch dann noch zuverlässig auf ihre Entstehung untersuchen, wenn ein Ereignis bereits Monate oder Jahre her ist.

Soik verfolgt mit der Traum-App ein noch größeres Ziel, als das beste digitale Traumtagebuch zu programmieren. Sämtliche Trauminhalte können anonymisiert in die Cloud hochgeladen und in einer globalen Datenbank gespeichert werden. Welche Daten und Träume man hochlädt, kann man jedes Mal frei entscheiden und ist somit nicht gezwungen, seine privatesten Informationen der gesamten Welt zu präsentieren, wenn man Shadow nutzen möchte.

Die Datenbank ist nicht nur ein weltweites Traumarchiv oder eine Art externe Festplatte zum Speichern seiner Träume. Alle dafür freigegebenen Daten können weltweit von interessierten Personen und Wissenschaftlern abgerufen werden. So kann man beispielsweise vergleichen, wann Menschen in einem ganz anderen Land vermehrt von Flugzeugen träumen und ob, um bei diesem Beispiel zu bleiben, Männer in Australien vielleicht anders von Flugzeugen träumen Frauen in Kanada.

Wissenschaftler unterstützen Shadow

Shadow ist sicherlich nicht der erste Versuch, eine große digitale Traumdatenbank anzulegen. Ein Beispiel wäre dreambank.net, ein Archiv mit mehr als 20.000 Traumberichten, das von der University of California ins Leben gerufen wurde. Apps wie Dreamboard oder Dream:ON bieten Funktionen, die im Wesentlichen mit denen von Shadow vergleichbar sind, jedoch nicht denselben Funktionsumfang bieten. Anders als Shadow erhalten diese Apps zudem keine besondere Unterstützung aus der Wissenschaft.

Als Soiks Pläne für die App bekannt wurden, zeigten viele Wissenschaftler großes Interesse. Einige nahmen sogar persönlich Kontakt mit ihm auf, um Möglichkeiten der Unterstützung bei der App-Entwicklung zu besprechen. Zu den Unterstützern und Beratern von Soik zählen inzwischen führende Forscher aus der Traumforschung, Psychiatrie, Psychologie, Neurowissenschaften und vielen weiteren Fachgebieten.

Die Liste seiner Unterstützer ist prominent besetzt, unter anderem mit Deirdre Barret, die als Professorin in Harvard tätig ist, und Umberto Leon Dominguez. Dominguez ist Professor an den Universitäten in Sevilla und Madrid. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der experimentellen Psychologie mit einem Fokus auf die Neuropsychologie des Bewusstseins. Ein weiterer prominenter Unterstützer ist Scott Sparrow, der als einer der angesehensten Traumforscher gilt und als außerordentlicher Professor, unter anderem an der Universität Texas, tätig ist.

Shadow könnte die Wissenschaft verändern

Eine App wie Shadow, die Trauminhalte weltweit protokolliert und kategorisiert, ist der Wunschtraum vieler Wissenschaftler. Das zentrale Problem der Traumforschung liegt in der Qualität und Quantität der vorhandenen Daten. Forscher erhoffen sich von Shadow eine Datenexplosion, da es realistisch ist, dass die Datenbank täglich um mehr Traumberichte wächst als Traumforscher in einem Jahr sammeln können.

Für die Traumforscher wäre eine solche Datenbank besonders interessant. Sie könnten plötzlich auf eine Vielzahl von Träumen aus aller Welt zugreifen, die zudem weniger beeinflusst sind als Traumberichte, die sie in Studien erhalten. Studienart und andere Einflussfaktoren, wie Aufenthalte im Schlaflabor, können die Träume und Berichte der Studienteilnehmer beeinflussen.

Die Fachbereiche Traumforschung, Psychologie und Philosophie könnten, so die Hoffnungen, durch die zu erwartenden Erkenntnisse aus den Trauminhalten einen Paradigmenwechsel erleben. Ein solcher Wandel könnte durch die langfristige Sammlung und Auswertung von Träumen weltweit ausgelöst werden.

Der Begründer der Analytischen Psychologie, C. G. Jung, entwickelte die Theorie der Archetypen und des kollektiven Unbewussten. Dieses wird von Generation zu Generation weitergegeben. Es lässt sich mit dem menschlichen Genpool vergleichen, der ebenfalls einen gemeinsamen Ursprung besitzt.

Mithilfe von Shadow könnte diese fundamentale Theorie entweder bestätigt oder widerlegt werden. Sollte sich herausstellen, dass Jung irrte und kein kollektives Unbewusstein existiert, wäre das ein dramatisches Erdbeben in Psychologie und Philosophie. Alle auf Jungs Theorie basierenden Erkenntnisse müssten neu bewertet und höchstwahrscheinlich revidiert oder verworfen werden.

Die Psychologie könnte enorm von Shadow profitieren. Traumforscher Kelly Bulkley führte ein Experiment durch, in dem er einen Therapeuten bei der Traumarbeit mit einer Patientin beobachtete. Bei der Analyse der Traumsymbole stellte er fest, dass die wahren Ursachen der Probleme der Patientin anders lagen, als sie und der Therapeut vermutet hatten.

Die Zeichen aus dem Unterbewusstsein offenbarten, dass ihre psychischen Probleme nicht vom stressigen Alltag herrührten, sondern von einem nicht verarbeiteten Ereignis in der Vergangenheit. Dieses Beispiel verdeutlicht, welchen Nutzen eine solche App für die Psychotherapie haben könnte. Es wäre einfacher, die wahren Auslöser dieser Probleme zu erkennen und gezielt zu behandeln, statt nur die Symptome zu therapieren.

Ein ebenso großer Einfluss könnte Shadow auf die Psychiatrie und das Gesundheitswesen haben. Unbestreitbar stehen gesundheitliche Probleme, Schlaf und Träume in einer wechselwirkenden Beziehung. Durch Traummusteranalyse könnten die Ursachen vieler psychischer Krankheiten wie Depressionen, Erektionsstörungen oder posttraumatische Belastungsstörungen gezielter erkannt werden. Integriert man die Informationen, die das Unterbewusstsein in Träumen liefert, in die Behandlung, könnten viele Krankheiten möglicherweise auch ohne Medikamente geheilt werden.

Kritik an Shadow

Wo es Lob gibt, gibt es auch Kritik. Davor ist auch Shadow nicht gefeit. Einerseits wird natürlich in die Privatsphäre eingegriffen, wenn man nicht nur sein ganzes Leben über Twitter und Facebook öffentlich macht, sondern auch noch sein privatestes Unterbewusstsein zur Schau stellt. Inwieweit dieses Argument von Bedeutung ist, sei hier einfach mal dahingestellt, denn schließlich werden die Daten anonymisiert und auch nur hochgeladen, wenn man dem explizit zugestimmt hat.

Ein anderer Punkt ist der wissenschaftliche Nutzen. Viele Forscher sind von der Idee der weltweiten Traumdatenbank begeistert, allerdings gibt es auch Wissenschaftler, die den reellen Wert der gesammelten Daten nicht so hoch bemessen. Sie sind der Meinung, dass die Art der Datenerhebung zu willkürlich und lückenhaft sei, um tatsächlich viel Sinnvolles über Träume und die Träumenden erfahren zu können, denn man bekommt nur Traumberichte, erfährt aber nichts über die allgemeinen Gefühle und Empfindungen der jeweiligen Personen.

Demnach könne man mit solchen Daten lediglich epidemiologische Aussagen treffen, um zum Beispiel zu sehen, ob und wie sich gesellschaftliche Ereignisse auf die Träume der Menschen auswirken.

Update: Projekt Shadow eingestellt?

Ein aufmerksamer Nutzer hat uns darauf hingewiesen, dass die Entwicklung von Shadow offenbar eingestellt wurde. In den Kommentaren auf der Shadow-Seite auf Kickstarter verlangen zahlreiche Nutzer ihr Geld zurück. Seit 2014 scheint sich nichts mehr getan zu haben, obwohl der Zielbetrag von 50.000 US-Dollar um 32.577 US-Dollar übertroffen wurde. Zudem gibt es viele Kommentare, die vom Projektleiter gelöscht wurden.

Kickstarter hat das Projekt als inaktiv gekennzeichnet, und wir können über die tatsächlichen Vorgänge nur spekulieren. Es wäre in der Tat sehr bedauerlich, wenn ein so vielversprechendes Projekt ein solch unwürdiges Ende findet oder bereits gefunden hat.

 

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