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Wie wirken sich körperliche Behinderungen auf Träume aus?
Hören und sprechen Taubstumme im Traum? Können Querschnittsgelähmte im Traum gehen? Und gibt es Unterschiede in den Träumen von Menschen mit angeborenen sensorischen oder motorischen Einschränkungen und körperlich Unbeeinträchtigten?
Diese Fragen leiten direkt weiter zu der Diskussion, ob Traumwelt und Wachwelt tatsächlich so eng zusammenhängen wie oftmals vermutet wird oder ob es sich um relativ unabhängige Parallelwelten handelt. Wenn dem so ist, was verbindet beide Bewusstseinsebenen? Die Antwort könnte das Protobewusstsein sein, etwas, das auch als Kernbewusstsein bezeichnet werden kann.
Diese Thematik beschäftigte auch die vier Forscher bzw. Forscherinnen Ursula Voll, Inka Tuin, Karin Schermelleh-Engel und Allan Hobson. Die von ihnen durchgeführte Studie „Waking and dreaming: Related but structurally independent. Dream reports of congenitally paraplegic and deaf-mute persons“ wurde in „Consciousness and Cognition 20 (3):673-687 in englischer Sprache veröffentlicht. Auf Deutsch übersetzt bedeutet der Titel so viel wie „Wachen und Träumen: Zusammengehörend aber strukturell unabhängig. Traumberichte von angeboren querschnittsgelähmten und taubstummen Personen“.
Methoden und Studienteilnehmer
Die Forschungsgruppe um Voss hat zwei Ansätze angewandt. Die erste Methode ist die Trauminhaltsanalyse, die von Befürwortern der Kontinuitätstheorie genutzt wird. Diese Theorie besagt, dass Traum- und Wachwelt miteinander verbunden sind und sich gegenseitig beeinflussen. Die zweite Methode ist die strukturelle, semantische Analyse der Diskontinuitätstheorie, die postuliert, dass Traum- und Wachwelt unabhängig voneinander existieren und keine direkte Wechselwirkung haben.
Die Durchführung der Trauminhaltsanalyse erfolgte logisch. Die Probanden führten über zwei Wochen ein Traumtagebuch und hielten ihre Träume fest. Zusätzlich füllten sie nach jedem Traum einen Fragebogen aus, der sich gezielt auf die Fragestellung konzentrierte, insbesondere auf sensorische und motorische Erlebnisse in den Träumen, wie Hören, Sprechen, Gehen und die Intensität der sensorischen Wahrnehmung.
Für die formale Analyse wurden einfach quantitative Daten untersucht, wie die Anzahl der Berichte, der Worte, sowie der Nomen und Verben.
Die Träume von zehn Taubstummen und vier Querschnittsgelähmten, die mit diesen Einschränkungen geboren wurden, wurden ausgewertet. Hinzu kam eine Kontrollgruppe von 36 körperlich nicht beeinträchtigten Personen. Alle Studienteilnehmer befanden sich in derselben Altersgruppe (Durchschnittlich 20 – 24 Jahre) und hatten einen ähnlichen Bildungsstatus.
Neben der formalen Analyse sollte geprüft werden, ob die Traumberichte anhand ihres Inhalts den jeweiligen Gruppen zugeordnet werden können. Vier Personen sollten die Berichte lesen und anschließend einschätzen, ob es sich um Träume von Taubstummen, Querschnittsgelähmten oder der Kontrollgruppe handelt. Bei den vier Beurteilern handelte es sich um einen Psychoanalytiker (Freudianer), einen Verhaltenstherapeuten, einen nichtklinischen Psychologen und einen Laien.
Selbstverständlich sollten die Beurteiler in den Berichten keine direkten Hinweise auf die Träumenden finden. Daher wurden die Berichte anonymisiert und modifiziert. Interpretationen sowie Gedanken über die Wachwelt (etwa „Im echten Leben wohnt mein Onkel in der Nähe“) und Erwähnungen des Aufwachens wurden entfernt. Da es für erfahrene Beurteiler leicht wäre, die Träume von Taubstummen allein an der Satzstruktur zu erkennen, wurden deren Träume grammatikalisch angepasst, ohne die Wortwahl zu verändern. Die Beurteiler erhielten keine Informationen über Alter, Geschlecht oder Traumhäufigkeit innerhalb der spezifischen Gruppen und der einzelnen Teilnehmer.
Ergebnisse der formalen Traumanalyse
Die Untersuchung der formalen Traumanalyse verdeutlicht, dass es nahezu unmöglich ist, Traumberichte anhand ihrer Struktur einer spezifischen Gruppe zuzuordnen. Es gibt kaum statistische Unterschiede. Im Vergleich zwischen den Querschnittsgelähmten und der Kontrollgruppe fällt lediglich auf, dass die Querschnittsgelähmten häufiger Verben verwendeten. Alle weiteren formalen Merkmale zeigen keine signifikanten Unterschiede zwischen den einzelnen Gruppen.
Trauminhalte von Querschnittsgelähmten und Taubstummen im Vergleich zur Kontrollgruppe
Die Analyse der Fragebögen zeigte im Gegensatz zur Formanalyse recht eindeutige Unterschiede zwischen den Gruppen. Taubstumme träumen im Vergleich zur Kontrollgruppe weniger häufig von sich selbst. Bewegung ist in ihren Träumen weniger zentral. Auffällig ist auch, dass die Farbe Blau in den Träumen der Taubstummen viel häufiger erscheint als in der Kontrollgruppe.
Weitere bedeutende Unterschiede waren nicht vorhanden. Interessanterweise gab es auch in den Bereichen Hören und Sprechen keine Abweichungen. Taubstumme hören und sprechen im Traum genauso wie Menschen mit diesen Fähigkeiten. Die wahrgenommenen Geräusche unterschieden sich ebenfalls nicht; Taubstumme berichteten ebenso häufig von Geräuschen wie Musik, Knallen oder der Stimme ihres eigenen Vaters.
Bei Querschnittsgelähmten gibt es im Bereich der Bewegungen nur geringe Unterschiede zur Kontrollgruppe. Art und Häufigkeit der Bewegungen unterscheiden sich kaum. Lediglich Bewegungen mit Unterstützung anderer traten in den Träumen von Querschnittsgelähmten häufiger auf. Diese Unterstützung wurde von den Träumenden jedoch nicht aktiv gesucht oder benötigt, sondern einfach gewährt. Kein einziger Querschnittsgelähmter träumte während des Studienzeitraums von Bewegungsunfähigkeit.
Ähnlich wie bei den Taubstummen trat in den Träumen der Querschnittsgelähmten die Farbe Blau besonders häufig auf. Im Vergleich zur Kontrollgruppe gilt das jedoch auch für die Farben Rot, Gelb, Grün, Blau, Schwarz und Weiß. Berührungen empfanden die Querschnittsgelähmten im Traum intensiver als im Wachzustand.
Inhaltsanalyse: Träume lassen sich kaum einer Gruppe zuordnen
Die formale Analyse der Traumberichte zeigt, dass sich die Berichte der drei Gruppen in ihrer Form fast nicht unterscheiden. Doch wie verhält es sich bei der Inhaltsanalyse? Können die vier Beurteiler anhand der Berichte erkennen, ob sie von einem Taubstummen, einem Querschnittsgelähmten oder einer motorisch und sensorisch unbeeinträchtigten Person stammen?
Das Ergebnis ist überraschend klar: Sie können es nicht. Von den 66 Traumberichten der Taubstummen wurden lediglich sieben von allen Experten korrekt zugeordnet. Weitere 12 Berichte wurden von mindestens einem Beurteiler richtig erkannt. Die deutliche Mehrheit von 47 Berichten ordneten alle vier Spezialisten nicht den Taubstummen zu.
Eine etwas höhere Erfolgsrate erzielten sie bei der Gruppe der Querschnittsgelähmten. Hier gab es 18 Traumberichte, von denen fünf korrekt eingeordnet wurden. Bei sechs Berichten lagen alle daneben.
Insgesamt wurden lediglich 10,6 Prozent der Berichte von Taubstummen von allen Beurteilern korrekt erkannt, bei den Querschnittsgelähmten lag diese Quote bei 20,7 Prozent, bei der Kontrollgruppe bei 57,3 Prozent.
Die niedrige Erkennungsrate bei den Taubstummen und Querschnittsgelähmten ist besonders interessant, da in 21 Prozent der Traumberichte der Taubstummen und in 22 Prozent der Berichte der Querschnittsgelähmten Elemente der Beeinträchtigung, wie beispielsweise ein Rollstuhl, erwähnt wurden. Nicht alle, aber einige Traumberichte wurden aufgrund dieser Hinweise korrekt erkannt.
Probleme und Kritik
Traumforscher stehen vor dem grundlegenden Problem, dass sie Träume nicht direkt beobachten können. Mithilfe von EEGs können sie zwar Gehirnaktivitäten messen, die möglicherweise auf Träume hinweisen, jedoch bleiben die tatsächlichen Traum-Inhalte unzugänglich. Ihnen bleibt lediglich die Traumerinnerungen der träumenden Person. Sie erhalten nur das, woran sich die Person erinnern kann, und dies sind meist nur Fragmente, die oft auch verändert wiedergegeben werden.
Träume werden im Gehirn gespeichert und gefiltert, sodass immer Teile der Träume verloren gehen. Häufig werden sie auch verändert, um eine logisch strukturierte und erzählbare Form zu erreichen. Besonders verstörende Träume werden einem solchen Filtervorgang unterzogen, um die beängstigenden Bilder im Nachhinein etwas abzumildern. Auch ist es kaum möglich, Träume der verschiedenen Schlafphasen voneinander zu trennen, also Berichte von einem NREM-Traum und einem REM-Traum zuverlässig zu unterscheiden.
Ein weiteres Problem der Studie ist die relativ geringe Teilnehmerzahl, denn 36 Kontrollpersonen standen nur 14 Beeinträchtigte gegenüber, von denen lediglich vier querschnittsgelähmt waren. Die Voraussetzungen für den Erhalt einer repräsentativen Datenbasis sind somit kaum gegeben. Möglicherweise hätten die Ergebnisse anders ausgesehen, wenn mehr Menschen mit Beeinträchtigungen an der Studie teilgenommen hätten.
Trotzdem sind die Ergebnisse der Studie interessant, bedeutend und wertvoll. Sie bietet faszinierende Einsichten in unser Bewusstsein im Traum und die Verbindungen zwischen Wach- und Traumwelt. Ergänzend zu vielen anderen Studien wird auch hier erneut deutlich, dass körperliche Fähigkeiten keinen oder nur einen sehr geringen Einfluss auf die Fähigkeiten in unseren Träumen haben. Es liegt daher die Vermutung nahe, dass es eine Art Kernbewusstsein gibt, in dem die Fähigkeiten gespeichert sind, die ein Mensch haben kann, unabhängig davon, ob er in der Lage ist, sie tatsächlich auszuüben.
Protobewusstsein – Virtuelle Realität im Kopf
Die zentrale Frage, die sich regelrecht aufdrängt, lautet: „Warum haben Menschen in ihren Träumen Grundfähigkeiten, die sie nie real erlebt haben?“
Ein taubstumm geborener Mensch hat in seinem Leben noch nie ein Geräusch gehört und nie gesprochen. Sprache im herkömmlichen Sinne ist ihm fremd, und der Klang von Worten bleibt ihm verborgen. Dennoch hat ein solcher Mensch im Traum eine Stimme, spricht eine Sprache und versteht, was andere ihm sagen. Ein Querschnittsgelähmter hat sich in seinem Leben nie richtig bewegen können. Wie kann er also wissen, wie man läuft oder wie es sich anfühlt zu rennen?
Und warum existiert die Behinderung im Traum nicht? Die Studie liefert einen einfachen Denkansatz, der den Forschern selbst zu banal erscheint. Es könnte sich um klassische kompensatorische Träume handeln, in denen die Einschränkungen einfach „weggeträumt“ werden. Doch auch das beantwortet nicht die vorhergehenden Fragen nach der Möglichkeit der Empfindungen.
Eine andere Theorie erscheint Voss und ihren Kollegen realistischer: die des Protobewusstseins. Das Protobewusstsein, im Englischen „Protoconsciousness“, ist ein Bewusstseinszustand, den man als Kernbewusstsein beschreiben kann. Unser Gehirn schläft nie, es ist stets aktiv, unabhängig von unserem Bewusstseinszustand, sei es Schlaf oder Wachsein. Es verarbeitet die Erlebnisse des Tages, filtert, sortiert sie und speichert sie im Langzeitgedächtnis. Nebenbei sorgt es für die körperliche Regeneration und alle Prozesse, die täglich in unserem Organismus ablaufen.
Ausführliche Informationen zu körperlichen Vorgängen am Tag und in der Nacht finden sich in unseren Artikeln „Schlafphysiologie: Organe und Hormone“ sowie „Chronotypen, Biorhythmus und die innere Uhr“.
Laut der Theorie dient das Protobewusstsein als Vermittlungsstelle für funktionale Fähigkeiten. Es ist vergleichbar mit einem Prozessor des motorisch-sensorischen Apparats und koordiniert Funktionen wie Bewegung, Sehen, Hören oder Sprechen – rund um die Uhr. Während des Schlafes ändert sich jedoch etwas. Das Protobewusstsein spielt eine „virtuelle Realitäts-Vorlage“ ab, die in der Studie als „virtual reality template“ bezeichnet wird.
Der Gedanke ist, dass die motorischen und sensorischen Fähigkeiten grundsätzlich vorhanden sind. Normalerweise sind diese Fähigkeiten nicht eingeschränkt. In dieser Theorie wird angenommen, dass sich die neuronale Substanz des Gehirns epigenetisch entwickelt. Einfach ausgedrückt, entwickelt sich das Gehirn nicht strikt nach seinem genetisch vorgegebenen Bauplan, sondern wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Diese Faktoren können beispielsweise verhindern, dass bestimmte Nervenverbindungen entstehen, die für das Sprechen und Hören oder die Motorik benötigt werden.
Das funktioniert folgendermaßen:
Ein Geräusch ist vorhanden. Das Protobewusstsein erhält den Input und leitet das Signal weiter. Allerdings ist die Schnittstelle gestört, das Geräusch wird nicht wahrgenommen, der Output bleibt aus. Das Bewusstsein nennt diesen Fehler Taubheit. Beim Sprechen ist es ähnlich. Das Protobewusstsein sendet ein Signal und erwartet eine Reaktion eines Dritten, der es empfängt. Leider geschieht das nicht und das Bewusstsein verarbeitet das als Sprachlosigkeit.
Im Traum hingegen zeigt sich die volle Funktionsfähigkeit des Protobewusstseins. Es agiert als Sender und Empfänger zugleich und erzeugt sowohl Input als auch Output selbst. Das Programm läuft ungestört. Solange das Muster, die Vorlage oder das Template funktionsfähig ist, agiert das Protobewusstsein während des REM-Schlafs in einer virtuellen Welt, in der alles funktioniert. Es trainiert die üblichen Abläufe, die im Wachzustand an neuronalen Faktoren scheitern.
Sollte sich diese Theorie bewahrheiten, bedeutet das, dass es ein grundlegendes Bewusstsein gibt, das noch entdeckt werden muss. Es ist die Aufgabe der Wissenschaft, herauszufinden, wie die Gene miteinander kommunizieren. Gelingt dies, können derartige „Konstruktionsfehler“ während der Entwicklung des Gehirns vermieden werden. Ein Mensch könnte dann alle körperlichen und geistigen Fähigkeiten ausleben, die er tatsächlich in sich trägt. Die wissenschaftliche Disziplin, die sich mit solchen Vorgängen und Zusammenhängen beschäftigt, ist die Epigenetik.