Träume im Kontext deuten – Traumkontext


TraumkontextBeim Deuten der eigenen Träume kommt es nicht nur auf die Traumsymbole an. Die wahre Bedeutung eines Traumes erschließt sich erst, wenn man Symbole und Handlungen in ihrem Kontext betrachtet. Doch was bedeutet Traumkontext und wie deutet man ihn richtig?

Traumkontext beschreibt zweierlei Dinge. Einmal geht es um den Zusammenhang zwischen den einzelnen Traumsymbolen und der Interaktion mit diesen innerhalb des Traumes. Das andere Mal geht es um die Einordnung des Traumes in seinen Kontext in der realen Welt, denn da wir in Träumen auch die Erlebnisse des vorangegangenen Tages aufarbeiten, besteht oftmals ein ganz einfacher Zusammenhang zwischen der Lebenssituation und den Inhalten unserer Träume.

Möchte man seine Träume in ihrem Kontext deuten, muss man sich vorher selbstverständlich mit den grundlegenden Deutungsmöglichkeiten der einzelnen Traumsymbole beschäftigen und wissen, wie man bei der Deutung der eigenen Träume vorgeht. Ein enorm hilfreiches Werkzeug der Traumdeutung haben wir bereits an anderer Stelle ausführlicher behandelt, nämlich das Führen eines Traumtagebuchs.

Wie bereits erwähnt, unterscheidet man zwischen zwei Arten von Traumkontext. Zwar besteht zwischen beiden eine sehr starke Verbindung, doch es ist sinnvoll, sie als eigenständige Arten zu behandeln, da sich das, was interner Traumkontext genannt wird, nur auf den Trauminhalt bezieht, der Kontext der Wachwelt hingegen auf die Einordnung des Traumes in die reale Lebenssituation des Träumenden.

Interner Traumkontext

Der interne Traumkontext könnte auch trauminterner Kontext heißen. Es handelt sich dabei um die Analyse des Traumes in seiner Gesamtheit, also der Interpretation der Traumsymbole und Traumhandlungen sowie deren zeitliche Abfolge und den Zusammenhängen von allem.

Vielleicht klingt das zunächst etwas kompliziert. Daher verdeutlichen wir das einfach mal anhand eines Beispieltraumes:

Anja träumt, dass sie barfuß auf einer Waldlichtung steht. Die Vögel zwitschern, die Sonne scheint, Anja fühlt sich rundum wohl. Am Rand der Lichtung beobachtet sie, wie ein Nilpferd aus dem Wald kommt und friedlich die Lichtung betritt. Plötzlich verdunkelt sich der Himmel und ein Sturm zieht auf. Anja möchte sich in Sicherheit bringen, sie rennt los, kommt aber nicht voran, sie ist wie gelähmt. Das Nilpferd verfolgt sie und kommt immer näher, bis plötzlich ein Igel vor ihr erscheint. Er schaut sie böse an. Auf einmal klart der Himmel wieder auf. Kurz darauf erwacht Anja.

Was soll das bedeuten? Das ist bei der Analyse des Traumkontextes eine beinahe periphere Frage. Die wichtigere Frage sollte lauten: Warum hat sich das so abgespielt?

Anja geht es gut. Die Waldlichtung ist ein schöner und ruhiger Ort, die Vögel erzählen von Freiheit, die Sonne wärmt die barfüßige Anja. Warum ist sie barfuß? Möglicherweise ist diese Frage unbedeutend, da sie auf einer sonnigen Wiese steht. Es ist nicht ungewöhnlich, dass sie barfuß ist. Später kann es aber wichtig sein, da barfuß sein auch für Schutzlosigkeit stehen kann.

Das Nilpferd ist ziemlich ungewöhnlich, da es nicht zu den Tieren gehört, die man im Wald erwartet. Das Nilpferd macht erstmal gar nichts, es ist einfach nur da. Warum verdunkelt sich jetzt der Himmel und ein Sturm bricht los? Das Nilpferd kann für männliche, aggressive oder für weibliche Eigenschaften stehen, oftmals in Verbindung mit Fruchtbarkeit. Der Sturm symbolisiert Anjas innere Aufgewühltheit.

Die Flucht ist durchaus verständlich, denn niemand steht während eines Sturms gerne auf offenem Gelände. Nur warum nimmt das Nilpferd die Verfolgung auf? Warum ist Anja im Traum wie gelähmt? Dass das Tier Anja verfolgt, deutet auf eine aggressive Haltung dessen hin, wofür das Nilpferd steht.

Ihre Lähmung ist ein Zeichen von Angst (Flucht -> Panik) und zeigt zugleich auf, dass sie von dieser Angst wie gelähmt ist. Und der Igel? Der Igel kann ein Symbol für Schüchternheit oder übertriebene Isolation sein. Der böse Blick zeigt, dass der Teil von Anjas Persönlichkeit, der sich im Traum als Igel zeigt, böse auf sie ist. Doch der böse Blick des Igels beendet das Horrorszenario. Anja sieht vor dem Erwachen noch den sich aufklarenden Himmel und die Ruhe, die damit zurückkehrt.

Der Fokus liegt bei der Deutung dieses Traumes auf den beiden Tieren und dem Wetter. Beide Tiere verändern mit ihrem Auftreten die komplette Traumszenerie. Es ist schwer möglich, diesen Traum isoliert zu deuten, da wir nicht wissen, ob Anja häufiger von Nilpferden, Igeln, Verfolgung oder Unwetter träumt und wenn ja, auf welche Weise. Angenommen der Igel hat sie sonst nie böse angeschaut. Dann lautet die Frage, warum er das ausgerechnet im Kontext dieses Traumes getan hat.

Die gewählten Traumsymbole lassen vielerlei Deutungen zu, die sich teilweise direkt widersprechen. Aggressive männliche Charakterzüge und Fruchtbarkeit oder Weiblichkeit sind nicht leicht unter einen Hut zu bringen. Wahrscheinlich hilft es, den Traum aus dem Kontext der Wachwelt heraus zu beleuchten.

Träume im Kontext der Wachwelt deuten

In unseren Träumen verarbeiten wir sowohl die Eindrücke des Tages als auch vieles, dessen wir uns nicht direkt bewusst sind. Das Unterbewusstsein trägt so viele Gefühle und Erinnerungen in sich, dass wir sie gar nicht alle beachten können. Es enthält auch Informationen über all unsere Charaktereigenschaften und wie wir sie bewerten. Die geistige Gesamtsituation und der derzeitige Gefühlszustand sind weitere Faktoren, die unsere Träume beeinflussen.

Kurzum: Hat das eigene Auto plötzlich einen Defekt erlitten, träumt man in der folgenden Nacht wahrscheinlich davon. Ist man beruflich auf das Fahrzeug angewiesen und steht aufgrund des Defekts nun vor Problemen, erzeugt das einen enormen Stress, der sich in hektischen Träumen äußern kann, vielleicht Träumen von Verfolgung oder freiem Fall. Steht eine große Veränderung bevor, sind Träume von einem Erdrutsch oder dem Tod keine Seltenheit. Traumatische Erlebnisse können sich auch noch nach Jahrzehnten in Träumen zu Wort melden. Die Frage lautet dann, ob es einen Auslöser dafür gab.

Verdeutlichen wir die Nutzung des Traumkontextes der Wachwelt durch die Fortführung der Deutung von Anjas Traum.

In der realen Welt ist Anja seit ein paar Tagen Hals über Kopf in einen Mann verliebt. Sie traut sich nicht ihn anzusprechen, dafür ist sie zu schüchtern. Das Gefühl der Verliebtheit kann sie genießen, sie lebt neu auf und sie fühlt sich wirklich wohl, was man auch am Anfang ihres Traumes sieht. Sie genießt die Natur, steht barfuß auf der Wiese und fühlt die Natur unter ihren Füßen besonders intensiv.

Doch dann verändert das Nilpferd alles. Anjas Problem liegt in ihrer Vergangenheit. Vor zwei Jahren war sie in einer glücklichen Beziehung. Zumindest dachte sie das. Sie war lange mit ihrem Freund zusammen und wollte sogar ein Kind von ihm. Als sie das Thema ansprach lachte er sie nur aus und sagte ihr, dass er hinter ihrem Rücken mit anderen Frauen geschlafen hat und er nur mit ihr zusammen war, weil er es sozusagen gewohnt war. Anja wurde sehr wütend. Es kam zu einem Streit, den er beendete, indem er sie schlug.

Unter Berücksichtigung dieses traumatischen Erlebnisses wird deutlich, dass Anja Angst davor hat, wieder enttäuscht zu werden. Das Nilpferd steht in ihrem Traum für ihre Weiblichkeit und ihre Fähigkeit, sich an Menschen zu binden, ihnen Vertrauen entgegen zu bringen. Als sie das Nilpferd sieht steigen die alten Erinnerungen wieder in ihr auf. Sie bekommt es mit der Angst zu tun und möchte nur noch vor ihren Gefühlen fliehen, was ihr allerdings nicht gelingt.

Indem es die Verfolgung aufnimmt, verliert das Nilpferd seine positiven Eigenschaften (Weiblichkeit, Fruchtbarkeit) und verwandelt sich in ein Symbol männlicher Aggression, wie sie es von ihrem Exfreund her kennt. Dann kommt der Igel ins Spiel, der sie böse ansieht.

In Anjas Traum ist der Igel ein Zeichen ihrer Schüchternheit und verdeutlicht, dass sie sich zu sehr zurückzieht bzw. sich emotional „einigelt“. Der böse Blick verdeutlicht, dass Anjas Unterbewusstsein mit diesem Verhalten unzufrieden ist. Dass der Himmel aufklart und Anja aufwacht ist in gewisser Weise ein doppeltes Erwachen.

Der böse Igel steht für die Erkenntnis, dass Anja womöglich bereit ist, eine neue Beziehung einzugehen. Sie kommt langsam zu der Einsicht, dass sie sich von den vergangenen Erfahrungen lösen muss, die sie innerlich so blockieren.

Zusammenfassung

Anjas Traum hat sie zu einer wichtigen Erkenntnis geführt. Die Interpretation der Traumsymbole an sich wäre nicht ausreichend gewesen, da es schlichtweg viel zu viele mögliche Bedeutungen geben würde, die sich teils direkt konträr gegenüberstehen.

Die Deutung der Traumsymbole im Zusammenhang und der zeitlichen Abfolge hat die möglichen Bedeutungen bereits eingegrenzt. Am Ende war es die Kombination von internem Traumkontext und dem Kontext der Wachwelt, die Anja geholfen hat herauszufinden, was dieser Traum für sie wirklich bedeutet.

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